Der Stern von Bethlehem

Der Stern von Bethlehem

Johannes Neumann,
Der Stern von Bethlehem aus der Sicht der Astronomie, der Geschichtswissenschaft und der antiken Astrologie,
Radebeul 2005,
40 S., 9 f. Abb., geh, EUR 9,90,
ISBN 978-3-9801264-3-4.

 

Inhalt:

Der Stern von Bethlehem hat die Menschen seit jeher fasziniert

In dieser Broschüre werden die Fakten über den wunderbaren Stern zusammen getragen: die astronomischen Beobachtungen, die Weissagungen der Sterndeuter und die antiken Berichte über die vielfältigen Hoffnungen und Befüchrchtungen, die der Stern in den Menschen auslöste. Es wird gezeigt, welche Überlegungen die Magier anstellen mussten, um den Weg über Jerusalem nach Bethlehem zu finden.

 

Leseprobe:

Stern von Bethlehem

Die Wanderung der Magier

Die Magier sind ursprünglich ein Stamm des antiken Volkes der Meder mit sakralen Funktionen, später wird der Begriff – so bei Matthäus – zur Bezeichnung von Sterndeutern. Matthäus spricht nur von Magiern, die als Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe überbringen. Aus der Dreizahl der Geschenke wird später auf die Dreizahl der Personen geschlossen. Die Legende gibt den Magiern die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar, macht sie zu Königen und ordnet ihnen Königreiche zu. Aber das soll uns hier nicht näher interessieren.

Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern am Morgenhimmel gesehen und sind gekommen, um ihm unsere Verehrung zu erweisen.

Im Rückblick berichten die Magier, dass sie den heliakischen Aufgang des Doppelplaneten gesehen haben (Abb.). Diese Beobachtung stimmt mit der astronomischen Berechnung überein, dass die erste Begegnung der Planeten am Morgenhimmel in der Zeit vom 29. Mai bis zum 8. Juni des Jahres 7 v. Chr. stattfand. Die Magier können die Erscheinung wie folgt deuten: Das Sternbild der Fische weist auf Syrien-Palästina, Jupiter auf das Geschehen um einen König und Saturn als Stern Jahwes oder der Juden auf das jüdische Königshaus oder Königtum. Das Ereignis findet am Morgenhimmel statt, so dass die Geburt oder die Inthronisation eines neuen Königs oder des Nachfolgers eines herrschenden Regenten zu erwarten ist. Der mächtigste König in Syrien-Palästina ist der jüdische König Herodes, der in Jerusalem residiert. Es sprechen alle Anzeichen dafür, nach Jerusalem zu gehen. Die Magier verhalten sich entsprechend der Anweisung, die die Sterne ihnen gegeben haben. Der Himmel hat einen neuen König angezeigt, und sie machen sich auf, ihn zu suchen, damit sie ihn gebührend verehren können.

Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4 und er rief den Rat der Hohenpriester und Schriftgelehrten zusammen…

Der zweite Akt unseres kleinen Dramas spielt in Jerusalem. Als die Magier dort ankommen, findet die zweite Begegnung der Planeten statt, 26. September bis 6. Oktober 7 v. Chr. Der Nachthimmel zeigt die große Konjunktion die ganze Nacht über, um Mitternacht stehen die Planeten am höchsten. Den Sternen entsprechend finden die Magier einen König Herodes vor, der auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Ansehens steht. Das Geschehen am Himmel und das auf der Erde entsprechen sich, die Magier sind am richtigen Ort. Herodes verhält sich äußerlich entsprechend der Anweisung der Sterne und ist bei der Suche des neuen Königs (bei Matthäus heißt er Christus) behilflich. Aber wie die weitere Geschichte bei Matthäus zeigt, plant er bereits die Ermordung des Rivalen. Wo sollen die Magier den neuen König finden? Der Evangelist Matthäus kann auf die jüdisch-christliche Legende verweisen, nach der der Messias in Bethlehem geboren werden wird. Die Magier, die weder Christen noch Juden sind und allein die Sterne befragen können, befinden sich in einer Sackgasse. Sie sollen den neuen König finden, begegnen aber einem König im Vollbesitz seiner Macht und seines Ansehens, und die Sterne bestätigen durch ihre Position beides, die andauernde Herrschaft des Königs und den richtigen Weg der Magier. Die genaue Bestimmung der Position der Sterne und deren Deutung hilft hier weiter. Die Planeten befinden sich zum entscheidenden Zeitpunkt, um Mitternacht, wenn sie am höchsten stehen, nicht genau im Zenit, sondern etwas südlich davon. Denn der Beobachtungspunkt liegt auf der Nordhalbkugel (und nördlich des nördlichen Wendekreises), so dass Sonne, Mond und alle Planeten Bahnen am Südhimmel beschreiben. Jupiter und Saturn verweisen die Magier also nach Süden, und zwar nicht weit nach Süden, da sie sehr hoch am Himmel stehen, die Wegstrecke am Himmel vom Zenit bis zu den Planeten nicht allzu weit ist.

9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie weiter. Und der Stern, den sie am Morgenhimmel gesehen hatten, zog vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kind war. 10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut…

Matthäus berichtet über die jüdisch-christliche Legende, nach der der Messias in Bethlehem geboren wird, folgt dann aber wieder der vorchristlichen Version der Erzählung. Herodes schickt Spitzel, die offenbar nichts in Erfahrung bringen können, und versucht dann die Magier für seine Zwecke einzuspannen. Diese hören den König höflich an, lassen sich aber von ihm nicht beeindrucken, sondern folgen den Sternen. Die dritte Begegnung von Jupiter und Saturn ereignete sich vom 5. bis zum 15. Dezember 7 v. Chr. Die Planeten begegnen sich am Abendhimmel, kurz bevor sie gemeinsam im Westen untergehen (Abb.). Der Himmel zeigt also das Ende eines Königtums, vielleicht den Tod eines Königs an. Die Magier sind gemäß der Weisung der Sterne eine kleine Wegstrecke genau nach Süden gewandert, dort treffen sie nach 12 km auf die Palastfestung Herodeion.

Als Herodes im Jahre 40 v. Chr. mit seiner Familie und seiner Leibwache, insgesamt mehrere hundert Personen, vor den Parthern aus Jerusalem fliehen musste, stürzte seine Mutter Kypros in der Nähe von Bethlehem so schwer, dass ihre Weiterreise zunächst ungewiss war. Herodes dachte schon an Selbstmord, wurde aber von seinen Begleitern beschwichtigt, und seine Mutter konnte am Ende die Reise fortsetzen. In einem Gefecht mit seinen Verfolgern konnte er diese besiegen, seine Familie auf der Festung Masada in Sicherheit bringen und nach Ägypten fliehen. Der Ort behielt für Herodes eine starke emotionale Bedeutung, und im Jahre 23 v. Chr. begann er, den Hügel, der sich etwa 100 m über dem Tal erhebt, zu befestigen. Er ließ die Bergkuppe abtragen und eine Festung teilweise in den Berg hinein errichten. Das Herodeion diente ihm gleichzeitig als Begräbnisstätte, Josephus erzählt auch von dem Begräbnis, das im Jahre 4 v. Chr. mit großem Aufwand vollzogen wurde. Die Grabstätte des Herodes konnte jedoch bis heute nicht gefunden werden. Unterhalb der Bergfestung hatte der König ausgedehnte Palastanlagen errichten lassen, wo er sich mit seiner Familie häufig aufhielt.

Als die Magier das Herodeion erreicht haben, bemerken sie wieder die Übereinstimmung zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde: Die Planeten zeigen am Himmel eine Begräbnissituation, die den jüdischen König betrifft, und auf der Erde stehen sie an dem vorbereiteten Grabmal des Herodes. Sie sind also am Ziel ihres Weges angelangt. Nun gilt es, den neuen König, den die Sterne geweissagt hatten, zu finden. Auch für dieses Vorhaben sind sie an der richtigen Stelle. Denn Herodes hielt sich mit seiner Familie häufig hier auf, und die Prinzen mit der besten Aussicht auf die Nachfolge, Alexander und Aristobul, die Söhne des Herodes aus der Ehe mit der Hasmonäerprinzessin Mariamne, waren hier am ehesten anzutreffen.

Der Kindermord

An dieser Stelle nimmt die Geschichte eine tragische Wendung. Die Magier mögen historische Gestalten sein oder nicht, die große Konjunktion des Jahres 7 v. Chr. konnte damals jeder beobachten, und die astrologische Deutung des Geschehens am Himmel war allgemein bekannt. Auch König Herodes kannte diese Weissagungen, und er fürchtete sie, ganz so wie es Matthäus beschreibt. In der Familie des Herodes hatte es immer Spannungen zwischen den verschiedenen Frauen und ihren Söhnen, die sich Hoffnung auf die Nachfolge machen konnten, gegeben. Und der alternde Herodes wurde ein missstrauischer Herrscher, der nach der Darstellung des Josephus überall Verschwörungen witterte. So konnte es nicht ausbleiben, dass Herodes befürchtete, die astrologischen Deutungen für das Jahr 7 v. Chr. würden seinen Söhnen zu Kopf steigen und sie veranlassen, vorzeitig an seinem Thron zu sägen. So entschloss sich der König, seine beiden in der Thronfolge an erster Stelle stehenden Söhne im Jahre 7 v. Chr. hinzurichten. Diese Hinrichtungen zeigen zugleich, dass Herodes die hier dargestellten Überlegungen über die Bedeutung der großen Konjunktion kannte. Ob er sie selbst teilte, ist hier nicht zu fragen, aber er kannte den großen Einfluss, den die Astrologie auf die Bevölkerung hatte, und die große Propagandawirkung solcher astrologischen Weissagungen zu gut, um sie zu unterschätzen.

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